Deutschland - Aus unserer Region

Bernd RabehlAm 18 Juli 2009 erlebten wir im Raum OWL einen interessanten Nachmittag mit Professor Bernd Rabehl und anderer Zeitzeugen, an dem ca. 50 Gäste teilnahmen. Es ging um das Thema der 68 er Jugendbewegung im allgemeinen und um die Ermordung Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Karl Heinz Kurras am 2. Juni 1967 im besonderen. Bernd Rabehl sprach auch über seinen Freund Rudi Dutschke.

Der Veranstalter begrüßte die Gäste, die eine bunte Mischung sowohl altersmäßig aber auch in politischer Hinsicht (Freie, Parteiangehörige, gemäßigte usw.) darstellten. Das sei auch gewollt. Jeder sei willkommen. Auch bei unterschiedlichen Ansichten solle man dem anderen den gebührenden Respekt entgegenbringen, darum werde ausdrücklich gebeten. Mit einem Hinweis auf das oben genannte Thema, stellte der Veranstalter auch gleich die Frage an den Redner, ob es die 68 er Studentenbewegung und ihre Radikalisierung zum bewaffneten Kampf ohne den Mord an Benno Ohnesorg überhaupt gegeben hätte.

Bernd Rabehl, der an seiner Autobiographie arbeitet,  erzählte von seiner Mitgliedschaft im SDS = sozialistischer deutscher Studentenbund, und daß dieser eine bündische Organisation war, die nicht zentralistisch organisiert war. Das ist so zu verstehen, daß z.B. der SDS in Hamburg andere Strukturen hatte, wie etwa der in Berlin.

Mit der Organisation der Proteste gegen den Besuch des Schah hatte der SDS nichts zu tun, sie wurden angeführt von iranischen Studenten der Tudeh – Partei ( kommunistisch, antikapitalistisch, antimonarchistisch). Auch die Kommune, also die Leute um Hans Magnus Enzensberger und Fritz Teufel hatten Aktionen vorbereitet. Sie wollten den Leuten das Spiel verderben , die sich mit der Monarchie des Schahregimes (US Marionettenregime wie wir heute wissen, d. Verf.) identifizierten oder sie hofierten.  Sie hatten auf Papiereinkaufstüten das Bild des Schah oder ein Bild von Farah Dibah geklebt, um diese zur Verhöhnung als Masken aufzusetzen. Farbeier sollten geworfen werden und Konfetti gestreut, mit Knallern wollte man die Pferde der berittenen Polizei erschrecken um diese von ihrem Vorhaben, die Demonstranten einzuschüchtern, abzubringen. AStA und SDS hatte sich intensiv mit den Protest gegen den Vietnamkrieg und auf die Hochschulreform beschäftigt, man fühlte sich überfordert, auch noch in der Persienfrage Stellung zu beziehen. Rudi Dutschke war zu dieser Zeit als Redner auf einer Veranstaltung in Hamburg.

 

Die amerikanischen „Befreier“ waren „not amused“ !

Die Protestler waren relativ ahnungslos, wie intensiv sich auch die Gegenseite auf diesen Tag vorbereitete.

Der amerikanische Stadtkommandant, war schon länger über den Studentenprotest gegen den Vietnamkrieg verärgert. Außerdem hatte man sich im Zusammenhang mit dem Humphrey – Pudding – Attentat unsterblich blamiert. Man betrachtete die von die Freie Universität als Keimzelle des Antiamerikanismus und kommunistische Kaderschmiede.

                           

Polizei als Büttel fremder Mächte

Die Westberliner Polizei war zur damaligen Zeit eine Militäreinheit, es gab keinen Polizeieinsatz ohne  alliierte Offiziere. Über die Kontaktoffiziere zum Polizeipräsidium wurde darauf gedrungen, polizeiliche Kampftruppen aufzustellen, die in die gegnerische Demo hineinstoßen konnte. Greiftrupps aus den Reihen der Politischen Polizei, stationiert im amerikanischen Sektor, wurden aufgestellt, um die Rädelsführer festzunehmen. Dem englischen Stadtkommandanten und seinen Offizieren bei der Polizeileitung wurde eingeredet, daß die Kollegen aus dem amerikanischen Sektor nur zum Objektschutz antreten würden. Über die Planungen an der Deutschen Oper wurde er nicht eingeweiht. Die Demonstranten sollten an diesem Tag ihr Waterloo erleben. Wer Wind säte, sollte Sturm ernten.

Der Polizeipräsident unterrichtete den Innensenator nicht von den amerikanischen Plänen. Rabehl glaubt, daß der Stasi – Mitarbeiter Karl Heinz Kurras auch auf der Gehaltsliste einer US – Militäreinheit stand. Die Demonstranten spielten ihr Spiel mit den Masken, Farbeiern, Knallern und dem Konfetti. Sie lachten und die Spießer schimpften. Die iranischen Studenten hielten sich zurück. Von Ausnahmezustand konnte dennoch keine Rede sein, als plötzlich aus einer Nebenstraße die Schläger der Savak, der iranischen Geheimpolizei kamen. Sie trugen lange Latten und Knüppel und wollten ihr Idol schützen. Sie schlugen wahllos zu und trafen dabei auch die Neugierigen aus dem Sektor der Schahanhänger. Die Polizei war darauf vollkommen unvorbereitet. Nicht die Demonstranten eskalierten den Aufzug, sondern der Staatsgast selbst übertrug die Gewalt seines Staates auf den Vorplatz der Westberliner Republik. Die Berliner Polizisten ließen die Staatsschläger gewähren.

Karl Heinz KurrasIn den Nebenstraßen nördlich der Oper waren deutsche Polizeireserven stationiert, die Wasserwerfer und anderes schweres Gerät aufgefahren hatten. Kaum waren die Staatsgäste und ihr Gefolge im Opernhaus, griff die Polizei an, dabei wurde auch ein kleiner Trupp ziviler Polizisten sichtbar, die hellgraue Anzüge trugen, wie die Stasi – eine Art Uniform, damit sie sich gegenseitig erkennen. Rabehl flüchtet sich in die Auffahrt zum Parkplatz eines Neubaus, als er neben sich einen Studenten mit einem Transparent sieht (wie er später erfährt, ist es Benno Ohnesorg). Nun geht alles sehr schnell: Ein Zivilbeamter (Kurras) kommt mit anderen Polizisten auf die beiden zu, in der rechten Hand einen Revolver, das Gesicht zu einer Grimasse verzerrt.  Rabehl läuft weg und rennt auf die Straße. Ein Schuß fällt, Tauben flattern auf, die Demonstranten verlassen den Ort des Geschehens und rätseln ob die Polizei tatsächlich auf einen der ihren geschossen hat.

Benno Ohnesorg war in den studentischen Linksgruppen vollkommen unbekannt. Er hatte an diesem Tag zum ersten Mal überhaupt an einer Demonstration teilgenommen. Sein Betätigungsfeld war die Evangelischen Studentengemeinde gewesen.Benno Ohnesorg Er war verheiratetet, seine Frau erwartete ein Kind. Auf weißem Leinen hatte er ein Transparent geschrieben: „Freiheit für die Teheraner Universität“. Er wurde wohl eher aus Zufall Objekt der Polizeiattacken und Opfer des Zivilpolizisten, der ihn erschossen hatte. Bernd Rabehl nimmt heute an, daß Kurras, der als ehemaliger Soldat möglicherweise an einem Kriegstrauma litt, durchgedreht ist, und auch sonst mit der Situation völlig überfordert war (was seine Auftraggeber allerdings einkalkuliert haben dürften, d.Verf.).

53 (!) Polizisten sollten später aussagen, daß die Polizei von Studenten mit Messern angegriffen wurde und Kurras habe in Notwehr gehandelt. Rabehl wollte diese Lüge entlarven und als Zeuge aussagen, der Rechtsanwalt Horst Mahler riet ihm mit der Begründung ab, er würde sich damit als vermeintlicher Rädelsführer selbst preisgeben. Aus internen Quellen drang die Information durch, daß Ohnesorg in den Hinterkopf geschossen worden war (also befand er sich in einer Fluchtbewegung und nicht im Angriff mit einem Messer), und daß in der Pathologie dieser Teil des Hinterkopfes verschwand.

 

Studentenbewegung im Kalkül der Besatzer

Die Studentenbewegung und ihre Radikalisierung war im Kalkül der Planung der Besatzungsmächte, die erwarteten, daß der kalte Krieg sich in einen heißen verwandelte. Das Entsetzen über den Tod von Benno Ohnesorg sollte eine ganze Generation von Studenten und Schülern prägen. Eine Studentenschaft als politische Generation ging durch den 2. Juni über ihr Geburtsstadium hinaus und fand ihr Format als Studentenbewegung und Generationenaufbruch, ohne vorerst zu wissen, wohin der Weg gehen würde. Als der Leichnam Ohnesorgs nach Hannover überführt wurde, mußte der Trauerzug auch über DDR – Gebiet, auf dem er mit militärischen Ehren empfangen und ohne Kontrollen durchgelassen wurde. Die FDJ, die jubelnd den Weg säumte, feierte die Teilnehmer des Trauerzugs als Helden.

 

Podiumsdiskussion

Bis hier zunächst die Schilderungen von Professor Rabehl, nach einer kurzen Pause erklärte nun der Veranstalter die Podiumsdiskussion für eröffnet.  Ein Gast, der damals an einer anderen Hochschule war, wurde gebeten, kurz seine Eindrücke aus der damaligen Zeit zu schildern. Er, sagte, von den eben geschilderten Ereignissen nur die offizielle Version aus Zeitung gekannt zu haben. Das Schimpfwort des Jahres 1967 sei Student gewesen. Allerdings könne er klar sagen, daß die Meinungsfreiheit damals größer war als heute.

Rabehl fuhr fort, indem er nun auf die Frage einging, was die Ursache für die Eskalation zum bewaffneten Kampf war. Das ganze habe nicht mit der Ermordung Ohnesorgs angefangen, sondern mit dem Attentat des mehrfach vorbestraften Hilfsarbeiters Josef Bachmann, der Rudi Dutschke am 11.April 1968 mit 3 Kugeln niederschoß. Die Springer – Presse hatte im Vorfeld dieses Attentats die veröffentlichte Meinung gegen Dutschke und den SDS aufgebracht. Für einen Teil seiner Anhänger war das Feindbild für den bewaffneten Kampf nun klar und deutlich: Das System, dessen Sprachrohr die Springer – Presse war. Es kam noch ein anderer Faktor hinzu. Die Studenten forderten damals die Schwarzen auf, ihren Dienst in der imperialistischen US – Armee zu quittieren. Diese wiederum berichteten ihnen von Plänen des Militärs Studentenanführer zu liquidieren. Damit begann endgültig die Diskussion um den bewaffneten Kampf mit Leuten wie Andreas Baader. Die RAF glaubte, im Großstadtdschungel diesen Kampf führen zu können.

Dutschke wollte auf friedlichem Wege etwas erreichen, keine Gewalt gegen Menschen und keine Konfrontation mit dem Polizeiapparat, da dieser Kampf nicht zu gewinnen sei.

Ein  Zuhörer, der als Student auf der bürgerlichen Seite war, hatte „die anderen“ Studenten als Marxisten wahrgenommen. Mit Marxisten konnte man gut diskutieren, aber mit Bombenlegern wollte man nichts zu tun haben.  Jedoch appelliere er heute an uns, die 68 er nicht auf Bewegung 2.Juni und RAF zu reduzieren.

Rabehl weiter über seinen Freund Rudi Dutschke: Er verabredete mit europäischen Kontaktleuten eine europäische Rudi DutschkeBefreiungsfront, der SDS kam dadurch zu schnell in eine historische Rolle. Rabehl glaubt nicht an eine Einzeltat des Hilfsarbeiters. Seiner Meinung nach dachten die Geheimdienste , wenn sie den Anführer Dutschke unschädlich machten, hätte sich das ganze erledigt. Die Rechung ging auf: Der schwerverletzte Dutschke war nicht mehr derselbe wie vorher. Auch bei seinem Ertrinkungstod 1979 in der Badewanne (kommt uns bekannt vor, d.Verf.) könnte nachgeholfen worden sein. Angeblich war er wegen eines Krampfanfalls, der eine Spätfolge des Attentats gewesen sein soll, in der Wanne ertrunken. Fürchteten die „Dienste“, Dutschke, der immer noch gute Kontakte hatte, könnte dem System doch noch gefährlich werden?

Einer der anwesenden Gäste kritisierte den SDS mit den Worten, er habe ein romantisches Bild es Arbeiters gehabt, das nicht der Wirklichkeit entsprach. Darauf entgegnete Rabehl: „Wir wußten was die Arbeiterklasse war, aber wir dachten, diese habe sich dem System gebeugt (diese Annahme trifft zu, d.Verf.).“ Die heutigen Universitäten bezeichnete Bernd Rabehl als „Bewahranstalten für arbeitslose Jugendliche.“

Zu guter letzt gab noch jemand zu bedenken, daß in der 68 er Bewegung auch viele nationalgesinnte Jugendliche waren und daß dies nicht nur eine politische Bewegung, sondern auch ein Lebensgefühl war, bezogen auf z.B. Beatles und dergleichen. Damals hätten „Rechte“ und „Linke“ Gruppierungen ihr Anliegen auf der Straße vorgetragen, ohne aufeinander einzuschlagen.

Nach dem Absingen eines gemeinsamen Liedes bedankte sich der Veranstalter bei den Referenten und den Gästen, die sich ihrerseits mit einem kräftigen Applaus für einen hochinteressanten Nachmittag erkenntlich zeigten.

Wenn wir aus den oben geschilderten Ereignissen und Erlebnissen etwas lernen können, dann ist das nach unserer Meinung: Die 68 er Bewegung ist vom System für dessen Ziele unterwandert(oder überwandert), mißbraucht und instrumentalisiert worden. Das war kein Zufall, sondern Teil eines skrupellosen Plans. Die Eskalation der Gewalt diente um so mehr den Zielen des herrschenden Systems der Neuen Weltordnung. Das Abdrängen politischer Bewegungen in Untergrund, Terrorismus und gegenseitigem zerfleischen, kann immer nur  im Interesse jener liegen!  Was ist leichter, wenn man die absolute Medienmacht und das Gewaltmonopol hat, Morde an Menschen wie Schleyer und Herrhausen Gruppierungen wie der RAF unterzuschieben? 

Kehrusker